KlangWelten

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Sonderprojekte: The Brendan Voyage 2014

Reise in die Anderwelt

Einleitung

Rüdiger Oppermann konzipierte dieses aussergewöhnliche Projekt im Auftrag der Nibelungenstadt Worms, im Umfeld des Festivals WUNDERHÖREN und der Nibelungen-Festspiele. Nach einem Jahr der Vorbereitung fand die Uraufführung im Mai 2013 statt. - Wahrhaftig ein gigantischer Erfolg, der ein staunendes, hingerissenes Publikum hinterließ - im ausverkauften Saal des Theaters.

Das Projekt ist eine Mischung aus Musik und Erzählung - THE BRENDAN VOYAGE ist die Geschichte des mutigen Seefahrers St.Brendan, der in Irland ein hochverehrter Heiliger ist - seine Reise ins Unbekannte in einem fragilen Lederbootchen, seine Erfahrung unglaublicher Wunder und merkwürdiger Beobachtungen in der "Anderwelt" ist faszinierend. Er reiste durch Eis, Sturm und Geister-umtoste Anderwelten bis nach Amerika, und das 900 Jahre vor Columbus ! Erzähler Bert Wesselmann vom Baden-Badener Theater, bekannt auch aus Funk und Fernsehen (Tatort! Arte!) agiert mit fesselnder Stimme.

Musikalisch umgesetzt wird das Thema von einem Ensemble von Musikern aus sehr verschiedenen Kulturen, die mit verschiedenen Aspekten der Geschichte verbunden sind. Zum Teil werden Musikstück zwischen Geschichten hörbar, zum Teil werden auch die Geschichten direkt von Klängen untermalt, wie in einem Hörspiel.

Aufgeschrieben wurde die Geschichte im Mittelalter (12.Jh), und Klänge aus dieser Zeit sind auch musikalisch verarbeitet. Dabei hilft, dass der gälisch sprechende und singende Erzähler/Sänger Peadar Ó'Ceannábhain (im alten Irland heisst diese Kunst Immram) weit zurückgreift in seiner Kultur, und früheste Notationen umgesetzt werden. Die Handlung ist zur Lebzeit des mutigen Seefahrers im 5. Jh angelegt, einer Zeit in der sich noch altkeltische Klänge (Bronzehörner, Harfe, Lure, Trommeln....) mischen mit frühchristlichen, und Irische Mönche den Deutschen Lesen und Schreiben beibrachten.

Diese prähistorischen Klänge, grossenteils generiert von dem Musikarchäologen Joachim Schween zusammen mit dem Archäo-Harfenisten Rüdiger Oppermann, sind wuchtig, groovig, und magisch. Neue Kompositionen duften nach irischen Gewürzen, aber auch das Thema ANDERWELT ist ja R.Oppermann nicht fremd, gilt er doch in Deutschland als der erfahrenste Grenzüberschreiter in Richtung Weltmusik, der schon mit Musikern aus aller Herren Länder gearbeitet hat (KlangWeltenFestival). Er hat deshalb auch den mongolischen Wahl-Karlsruher Musiker Epi mit dazugenommen, der mit Schamanangesang, Obertönen und MorinKhoor-Klängen den Horizont erweitert. Hinzu kommen merkwürdige Klänge, zB ein Glasorchester, singende Steine, ein archaisches Rohrblattinstrument (Bijan Mahdjub bewegt sich hier zwischen Orient und Okzident, zwischen Archaik und Virtuosität).

Eine wuchtig-mitreissende Gruppe von Folkies der Irischen Musik bringt virtuos-kongeniale Klänge ein. Diese Leute gehören zur Creme der Irish-Folk-Szene. Ein wuchtiges Statement der Irischen Percussion im Dialog mit Brasilianischer Percussion wird in der Szene "Kampf der Meeresungeheuer" abgeliefert.

An dramatischen Stellen, wo ein dickerer Klang gebraucht wird, arbeitet Oppermann mit der Karlsruher Bigband HIP HERD. Mehrere Stücke (4) wurden extra für diese Besetzung geschrieben: Posaunen mischen sich da mit Bodhrans, keltischer Harfe, Jazzbass, irisch Ceili, Trompeten, Hörnern und exotischen Blasinstrumenten.... Ein einmaliger Klang, den man so, zumindest in Deutschland, noch nie gehört hat !

Dies ist ein gigantisches Projekt auf grosser Bühne, produziert von Menschen die etwas zu sagen haben, und mit Musiker, die wissen, was sie tun.

Übrigens: Rüdiger Oppermann wird in diesem Jahr mit dem großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Mitwirkende:

The Brendan Voyage: Reise in die Anderwelt: Tutti

Rüdiger Oppermann

Harfe, prähistorische Leier, Komposition

Beschreibung folgt.

Peadar O'Ceannábhain

Gälischer Gesang

Peadar O´CeannábhainPeadar ist ein Spezialist für gälische Sprache. Er kommt aus dem Westen Irlands (Connemara). Er ist Dozent für gälisch Literatur und die mündliche Überlieferungen (linguistisch und musikalisch) an der Universität Dublin.

Er führt die Tradition des unbegleiteten irischen Gesangs fort, die in Connemara besonders stark war, und die des mittelalterlichen Storytellers. Dass er sich bei diesem Wormser Projekt auch begleiten lässt, ist durchaus ungewöhnlich und für ihn eine Grenzüberschreitung.

Auch als Archäologe war er bei Grabungen beschäftigt. Durch dieses Projekt wurde er derartig von der Irischen Frühgeschichtsforschung infiziert, dass er eine (bisher in Irland unbekannte) Notenschrift eines Hymnus von irisch-mönchischer Herkunft (Ibunt Sancti) fand — in Wien — und sie stammt von einer frühen irischen Klostergründung in Regensburg.

Berth Wesselmann

Erzähler

Berth WesselmannSeit über dreissig Jahren ist Berth Wesselmann Schauspieler am Theater Baden-Baden. Als feste Stütze des Ensembles spielte er hier eine Vielzahl großer Rollen.

Seine Stimme ist auch vielen Hörbuch-Hörern bestens bekannt, da er in zahlreichen Einspielungen Figuren seine Stimme leiht (zum Beispiel in Edgar Wallace: "Der Joker" oder Jules Verne: "In 80 Tagen um die Welt"). Daneben ist er als Sprecher, z.B. bei ARTE, aktiv.

Last but not least ist er auch dem TV-Publikum bekannt, da er in mehreren Tatort- Krimis mitwirkte. Auch im Theater Worms ist er schon mehrfach aufgetreten.

Franziska Urton

Geige, Irish Fiddle

Franziska UrtonDeutschlands führende "Irish-Fiddle-Geigerin" beherrscht den typischen verzierten Stil von der grünen Insel, die gänzlich andere Bogenhaltung, und die besondere Phrasierung. Das beeindruckt auch die "Klassiker", die sich von ihr gerne unterrichten lassen.

Aber sie hat auch einen starken klassischen Background, sie brach die beginnende "Wunderkind-Karriere" ab, studierte Geige/Schulmusik in Essen, leitet nun ein Schulorchester und spielt in diversen klassischen Formationen. Eine seltene Kombination verschiedener Talente.

Bekannt wurde sie vor allem mit den deutschen "Irish-Folk"- Gruppen DÁN und Blue, aber auch als Gastmusikerin bei Cassard und in R.Oppermanns diversen Großprojekten.

Brian Carruthiers

Flute, Voc

Beschreibung folgt.

Bijan Mahdjub

Bombarde, prähistorisches Mayophon, Muschelhörner

Bijan MahdjoubBijan ist ein Vertreter der mittelalterlichen Zunft der Spielmänner. Spezialisiert ist er auf Blasinstrumente, insbesondere auf Rohrblattinstrumente. In Deutschland gilt er als einer der besten Bombarde-Spieler (ein bretonisches Oboen-ähnliches Instrument mit dem Spitzname Ohrenputzer), er greift aber auch gerne zur mittelalterlichen Klarinette Chalumeau, Flöten und diversen Dudelsäcken.

In unserem Projekt spielt er auch das gerade erst entdeckte prähistorische keltische Rohrblasinstrument (welches er nachgebaut hat), welches nur Naturtöne kennt. Er ist auch ein beliebter Tanzmeister.

Sein eigener Familienhintergrund ist halb-persisch. Und so verwundert es nicht, dass er auch eine qualifizierte Beziehung hat zu aussereuropäischen Stimmungen, modalem Skalen-Denken und ostgewürzten Klängen. Per se ein Anderwelt-Adept.

Enkhjargal Dandarvaanchig

Pferdegeige, Gesang

Beschreibung folgt.

Ben Tai Trawinski

Kontrabass

Ben Tai TrawinskiBen ist derzeit einer der beeindruckendsten jungen Bassisten, Mitglied bei Badz und in seiner eigenen Band Killme sowie einer Vielzahl von Jazz-Formationen. Er ist ein wunderbar pulsierender Begleiter, aber auch ein guter Solist und Arrangeur.

Auch als Singer/Songwriter macht er sich einen Namen. Er reist nicht ohne Ukulele. Er studierte in Arnheim (Holland). Den Kontrabass beherrscht er sowohl im Jazz-Kontext, als auch im Klassischen Bereich, eine ideale Voraussetzung für dieses Projekt.

Michaela Grüß

Bodhrán, Gongs

Deutschlands profilierteste Bodhran-Spielerin ist die junge Michaela Grüß, die aus der Teetrinkergegend Ammerland/Ostfriesland stammt. Sie ist gelernte Klavierbauerin, was dem markanten Zugang zu Perkussionsinstrumenten zugute kommt.

Die deutsche Irish-Folk-Szene ist gut vernetzt, was man an den verschiedenen Band-Projekten erkennen kann: Sie spielt mit Franziska Urton bei Blue, in der auch mit Rolf Wagels spielte, in der Gruppe Nua und in in ihrer eigenen Gruppe, der New-Folk-Band Cosán.

Franziska Urton spielt dafür auch mit Jørgen Lang, und manchmal mit Siobhan Kennedy. Als Percussion-Trio haben die drei Bodhran-Spieler aber noch nie gearbeitet, und dieses Ensemble ist sowieso ohne Vorbild und einmalig.

Maxim Zettel

Percussion

Beschreibung folgt.

Jørgen Lang

Gitarre, Cister

Jørgen LangOstfriesen haben ja schon lange (2000 Jahre lang) eine besonders innige Beziehung zum angel-sächsischen und irischen Kulturbereich. Und dies trifft auf Jørgen besonders zu: Nach seinem Zivildienst arbeitete er in einem sozialen Brennpunktprojekt in Dublin, was sein Irland-Bild nachhaltig korrigierte und ihm einen überzeugenden irischen Akzent verlieh.

In der irischen Musik schwimmt er als Begleitgitarrist wie ein Fisch im Wasser.

Seine Spezialität ist eine ungewöhnliche Gitarren-Stimmung, genannt DADGAD (nach der Grundstimmung der Saiten) oder Open Tuning. Mit dieser Stimmung erzeugt er immer wieder ungewöhnliche Akkorde, die weit über das Übliche hinausgehen.

Wie fast alle irisch orientierten Musiker, ein Selfmademann, der die mündliche Überlieferung bevorzugt. Dass er in diesem Projekt abwegige Akkorde spielen muss, die in irischer Musik sonst nie vorkommen, ist eine interessante Aufgabe mit überraschenden und überzeugenden Ergebnissen.

Joachim Schween

Irische Bronzehörner, Lure

Joachim Schween ist Archäologe und Deutschlands bester Kenner prähistorischer Bronzehörner. Bereits während des Studiums blies er die Trompete, so lag es nur nahe, dass er eine besondere Affinität zu prähistorischen, bronze/eisenzeitlichen Blechblasinstrumenten entwickelte.

Er spielt auf frühen Rekonstruktionen von Irischen Bronzehörnern, Luren und ähnlichem Instrumentarium. Ein Instrumentarium, welches etwas Phantasie erfordert, was die musikalische Literatur betrifft. Denn diese gibt es gar nicht. Im Dunkel der Vermutungen gräbt er unermüdlich und dabei ertastet er überraschende akustische Ergebnisse, die nicht wirklich an Bach, Wagner oder Purcell erinnern, sondern eher an australische Didgeridoo-Bläser, afrikanische Ritualhörner oder nepalesische Tempeltrompeten.

Auch er ist überzeugt, dass die Musik unserer Vorfahren diesen Klängen ähnelte. Er ist international gut vernetzt und in dauerndem Kontakt mit irischen, schottischen und anderen Musikarchäologen. Rüdiger Oppermann traf ihn auf einem musikarchäologischen Weltkongress (wo dieser den eiszeitlichen Mundbogen präsentierte).

Auch an ganz "normalen" Ausgrabungen nimmt er Teil. Zur Zeit gräbt er in der Altstadt von Hameln. Hoffen wir, dass er endlich eine Keltische Harfe findet.

Thomas Busch

Bassposaune, Alphorn, Lure

Der in Worms geborene Thomas Busch hat seine bläserischen Wurzeln im ev. Posaunenchor Worms Hochheim-Herrnsheim. Er studierte in Hamburg und Lübeck, und spielte schon früh ab und zu in Darmstadt (Staatstheater) und Kaiserslautern (Pfalztheater).

Seit 1996 ist er als Posaunist am Nationaltheater Mannheim engagiert. Außerdem unterrichtet er an der Jugendmusikschule Worms und ist Gründungsmitglied der Wormser Dombläser.

Seit 2002 leitet er den ev. Posaunenchor Worms Hochheim-Herrnsheim, der bei der Aufführung in Worms erneut an diesem Projekt teilnimmt. In der Brendan Voyage spielt er Bassposaune und (ausnahmsweise) auch die prähistorische Lure.

The Hip Herd

Gebläse

Préludium

Liebe Gäste!

Saint Brendan und der WalDie Reisebeschreibung des abenteuerlustigen irischen Mönchs St.Brendan , der in einem Lederbootchen Amerika entdeckte, 900 Jahre vor Columbus, ist in Deutschland recht unbekannt. Umso interessanter war es für mich, mich mit diesem Stoff zu befassen, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Diese Erzählung mutet uns heute sehr fremdartig an, und gehört doch zu unserem europäischen Kulturerbe.

Eine musikalische Herausforderung ist der Ritt in eine sehr frühe Zeit, in der das Leben, die Wahrnehmung, und die Musik ganz anders waren als heute. Was Sie hören ist sehr vielseitig, denn es werden Klänge von der Keltenzeit bis heute realisiert. Manche textlichen Motive kennen wir schon von anderen Sagen, und die Mischung aus real Erlebtem, extatisch Imaginiertem und Übertriebenem ist vielleicht typisch für die Zeit. Jedenfalls ein wunderbarer Ansporn, dies auch musikalisch auszudrücken.

Ich spiele die Keltische Harfe. So nennt man gerne mein Instrument. Aber eigentlich ist dieser Begriff ganz ungenau, denn die Kelten spielten eindeutig keine Harfe. Mein Instrument wurde eher in Mitteleuropa gespielt, vor allem in Deutschland und Frankreich, und zwar in der Zeit ungefähr von 800-1600. Und heute erlebt es eine starke Renaissance. Dennoch: Schon in meiner Teenie-Zeit war ich fasziniert von Irland. In den Siebzigern verbreitete sich ein romantisches Wunschbild, vor allem bei Deutschen, und Irish Folk kam uns gerade recht.

Aber schon bald wandte sich mein musikalisches Interesse von der Insel ab (ich trinke kein Guinness) und wanderte eher Richtung Asien, Afrika, in Richtung unserer eigenen Alten Musik, in Richtung Blues, Jazz, minimal music.... immer weiter. Und nun, plötzlich und unerwartet, steht das Thema Irland wieder vor mir! Ich nehme an, dass meine Ausflüge in die Anderwelt dazu beigetragen haben, dass ich beauftragt wurde, mich mit dem Thema BRENDAN VOYAGE zu beschäftigen. Und das tat ich dann auch ausführlich. Ich reiste im Oktober auf die grüne Insel, um dort noch einmal die Irische Sphäre zu erleben -und vielleicht besser zu verstehen, 30 Jahre später…

Ich besuchte die Orte, an denen sich Brendan aufhielt, besuchte den kompetentesten irischen Musikarchäologen auf der Suche nach der Musik seiner Zeit und der vorhergegangenen Epoche - der "keltischen" Kultur. Voller neuer Erkenntnisse kehrte ich zurück. Ich las alle greifbare Literatur. Eine Überraschung war für mich, welche Schlüsse man aus der Geschichte der irisch/deutschen Begegnung schliessen muss:

Zur Zeit Brendans war Irland Deutschland einen zivilisatorischen Schritt voraus.

Deutschland wurde ja zunächst nicht von Rom aus, sondern von Irland aus christianisiert. Das bedeutet:

Unsere frühesten Klöster wurden von Irischen Mönchen gegründet. Diese brachten den "Deutschen" dann das Lesen und Schreiben bei. Auf Lateinisch. Und nur die Bibel. Diese Mönche sprachen nicht englisch. Und wahrscheinlich auch nicht Deutsch. Sondern gälisch, und Lateinisch mit gälischem Akzent; ein weiterer Grund, warum ich den irischen Sänger und Erzähler Peadar Ó'Ceannábhain auch gälisch sprechen lasse:

Damit wir einmal auch den Klang der damaligen Sprache hören können. Auch wenn wir ihn nicht verstehen. Unseren Vorfahren ging es nicht anders. Das frühe Christentum in Irland war relativ tolerant, und bestand gleichzeitig mit der vorchristlichen Religion. Ja, es kam sogar soweit, dass bedeutende Druiden sich christianisieren liessen, und gleichzeitig Druiden blieben. Es waren also nicht feindliche Religionen. Interessant bis heute: Der oberste Druide von England ist gleichzeitig Erzbischof.

Als Festivaldirektor der KlangWelten Weltmusikfestivals bin ich es gewohnt, nach aussergewöhnlichen Klängen Umschau zu halten, und natürlich habe ich einige Erfahrungen aus früheren Projekten hier mit einfliessen lassen. Zum Beispiel meine langjährige Beziehung zur mongolischen Musik — eine Anderwelt der Nomadenklänge und eine fremde Ästhetik der Stimme, eine Mischung aus Feinheit und Wildheit in der Musikkultur. So ähnlich verstehe ich auch die Irische Kultur zur Zeit Brendans. Auch die Szene mit den geheimnisvollen schwimmenden Glasbergen kam mir sofort akustisch bekannt vor: Wir spielen dazu auf Gläsern.

Es war mir auch wichtig, lokal ansässige Musiker miteinzubeziehen, die in Worms verwurzelt sind, und seit 6 Monaten proben wir nun mit den Bläsern aus Hochheim. Ich besuchte den Wormser Dominikanermönch Bruder Thomas, der als eine Koryphäe der frühen christlichen Gesänge gilt, und den ich gerne auch als Sänger in dieses Projekt integriert hätte. Leider kann er an diesem Tag, dem Vorabend zu Fronleichnam, nicht aus seinen geistlichen Verpflichtungen gelöst werden. Er hat mich aber eindringlich in die Kunst dieser weit vergangenen Zeit eingeführt und mit mir bzw für uns nach Quellen gesucht. Dies ist mir wichtig: Wenn wir uns mit Musik aus weit vergangenen Zeiten beschäftigen, dann sind uns diese Klänge oft vollkommen neu und fremd. Das Fremde ist nicht nur woanders zu finden. Sondern auch in einer anderen Zeit. Und das Fremde ist relativ.

Als kleiner Junge zum Beispiel musste ich ab und zu im Auftrag meines Vaters mit dem Zug von Frankenthal (wo ich aufwuchs) nach Worms fahren. Das war für mich eine abenteuerliche Fahrt in die Fremde, die Anderwelt. Heute ist das anders. Worms kommt mir ganz bekannt vor, nicht mehr oder weniger als Istanbul, die mongolische Steppe, der zentralafrikanische Urwald, San Franzisko, Jaipur, Chartres, oder andere Orte, die in meinem Leben eine Rolle spielen.

Um für dieses Projekt einigermaßen authentische Klänge zu präsentieren, musst ich -und auch die anderen Mitwirkenden- bereit sein, unsere herkömmliche Ästhetik zu verlassen. Vor allem für die Klänge aus Brendans Zeit, die ich nur zurückfühlend rekonstruieren kann, basierend auf Abbildungen, Instrumentenfunden und experimentellen Instrumentenanalysen.

Auch für die beteiligten Iren ist diese Sicht der Dinge ganz neu und überraschend. Erkenntnisse der irischen Musikarchäologie haben sich ja nicht in der praktischen Musikausübung niedergeschlagen. Wir hatten uns ja alle lange zufrieden gegeben mit dem, was Irish Folk uns heute bietet. Auch wir beteiligten Mitteleuropäer müssen uns für die Aufführung auf archaischen Musikinstrumenten weit aus dem Fenster lehnen. Und umgekehrt: Für die rein wissenschaftlich orientierten Musikarchäologen ist die Begegnung mit professionellen Musikern, die auf "Ihren" Instrumenten spielen, eine erstaunliche Erweiterung ihrer Kenntnisse.

Für die Realisierung dieses Projekts habe ich mich deshalb mit verschiedenen Musikrichtungen beschäftigt, die Sie hier hören werden:

  • Musik der Alten Kelten und anderer prähistorischer Völker Irlands
  • Musik aus der Zeit des Brendan (5./6.Jh)
  • Musik aus der Zeit der Aufzeichnung des Manuskripts (10./11.Jh)
  • Irish Folk
  • neue Kompositionen für traditionelle Instrumente und Bläser
  • Musik der Anderwelt, fremde Klänge

Alte Musik, Bardenkultur, Druiden, Harfe

Ausgangspunkt ist Irland im Frühmittelalter (das Leben und die mystische Reise des  Brendan im 6.Jh). Niemand weiss heute genau, wie die Musik dieser Zeit geklungen hat. Wir wissen aber, welche Instrumente zu der Zeit gespielt wurden (das am Häufigsten abgebildete Instrument im 6.-12.Jh ist die Bardenharfe, die mit Metallsaiten bespannt war). Insofern steht die kleine Harfe auch symbolisch für die Musik vor 1500 Jahren.

Mündliche Überlieferungen und Beschreibung von Reisenden lassen den Schluss zu, dass es keine akkordische Begleitung von Melodien gab, sondern nur Grundtöne und Quinten, also eine ganz archaische musikalische Struktur, wir wie sie heute auch von anderen Zeiten und  homophonen (einstimmigen) Kulturen kennen (z.B. in türkischer Sufimusik, die auf mittelalterliche zentralasiatische Klänge zurückgeht, aber auch in den Gesängen der Heiligen Hildegard von Bingen zur gleichen Zeit).

Rüdiger Oppermann mit neuer HarfeDie Forschung der letzten Jahre ergab auch, daß bestimmte „Stichnoten“ im Bass oktaviert wurden und dadurch auch eine rhythmische Funktion hatten. Meine Beschäftigung mit einstimmiger Musik des Orients, besonders als Student der alttürkischen Musik in den Achzigern, hilft mir dabei, aber auch meine Arbeit z.B. mit Sigi Hausen, der Sängerin des Mittelalter-Ensembles Estampie, mit der ich viele Konzerte spielte. Akkorde wurden zu der Zeit nicht auf der Harfe gespielt.

Dieses musikalische Prinzip ist in der Musik eingebaut, sowohl bei der Begleitung sehr alte Melodien, als auch in neue einstimmige Teile, die dazukomponiert wurden. Während der Proben war eine phänomenale Ähnlichkeit der alten irischen frühchristlichen Melodien mit den Melodien der Hildegard von Bingen (um das mal in regionalen Bezug zu setzen) auffällig, und deshalb kombiniere ich diese auch.

Die Harfe als Begleitinstrument zu sehr langen Gesängen wurde meiner Meinung nach auch als strukturwebendes Werkzeug verwendet, wie wir heute in anderen Kulturen , z.B. in Afrika oder Südostasien noch nachhören können. Auch solche „inherant patterns“ - artige Teppiche kommen vor. Diese sind auch — nebenbei bemerkt — gut geeignet zur Hinterlegung von rezitierten Texten.

Ein glücklicher zeitlicher Zufall will es, dass ich mir gerade eine neue Harfe gebaut habe, bespannt mit den traditionellen Bronzesaiten wie sie im mittelalterlichen Irland gespielt wurden, in einer Form, die doch den ältesten Abbildungen sehr nahe kommt, auch viel kleiner als meine zuvor gespielte. Und auf diesem Instrument habe ich eine Art Rückbindungserfahrung, es führt mich zu den Anfangszeiten meiner Harfenkarriere, mit starker Verbindung zu den Alten Barden und Minnesängern.

Noch ältere Musik: Die Kelten und ihre spätbronzezeitlichen Vorgänger

Zur Hochzeit der protokeltischen und keltischen Kulturen (Bronze- , Hallstatt- und Latènezeit) wurden, aus den Abbildungen folgernd, auch Blasinstrumente gespielt, die in Richtung Lure (Karnyx) und anderer Bronzeblasinstrumente geht. Insbesondere die Bronzehörner (Ohne Grifflöcher, ohne Ventile) waren weit verbreitet. Diese wurden offensichtlich vorwiegend zu rituellen Feiern, aber -wie die Karnyx- auch bei kriegerischen Anlässen gespielt. Nach meiner Meinung kommen diese am nähesten an die „authentischen“ Klänge.

Spätbronzezeitliche LureDeshalb werden Sie hier auch Klänge hören, die auf archaischer Bläsermusik basieren (nur überblasene Töne aus der Obertonreihe). Die tiefen Töne solcher langen Blechinstrumente wirken auch dramatisch und werden dementsprechend eingesetzt, vor allem in Kombination mit Trommeln. Auch für tiefe Borduntöne eignen sich diese Instrumente, ähnlich wie das sehr archaische, aber heute wieder moderne Didgeridoo.

Musikarchäologe Joachim Schween, Deutschlands bester Kenner bronzezeitlicher Blasinstrumente hat dazu eigene Spieltechniken entwickelt, und integriert rhythmisches Bordunspiel, Zirkularatmung und Überblastechniken. Dass dies ungefähr so schon zur Zeit der Kelten und davor gemacht wurde, darin sind sich die internationalen Musikarchäologen einig. Die Originale der beiden Bronzehörner, die Sie im Konzert sehen, wurden zusammen mit zwei weiteren Hörnern nebeneinander bei Drumbest, Grafschaft Antrim, in einem Hort gefunden.

Ein interessantes Detail dazu: Ich erwartete natürlich, dass die Naturtöne, die auf den Irischen Bronzehörnern spielbar sind, unserer bekannten Naturtonreihe entsprechen (das wäre Oktave und Quinte usw, etwa so: CGCEGBCDEF#G). In der Praxis aber war es nicht so. Die beiden Hörner sind nicht aus Blech getrieben, wie moderne Instrumente, sondern gegossen. Was an sich schon für eine hoch entwickelte Kunst spricht. Vielleicht bewirkt aber eine gewisse Oberflächenrauhheit im Inneren, oder Ungenauigkeiten im Guss dieses: Die spielbaren Töne darauf sind ganz andere, relativ "unharmonisch", eine merkwürdige Auswahl, die wir beim besten Willen nicht "zurechthören" können: C G# B E.

So musste ich also meine Ausrichtung ändern, und statt einer Musik mit Naturtonreihen als Leitmotiv, wie ich es eigentlich vorhatte, passe ich mich an die Realität an, und verwende diese merkwürdige Kombination. Man lernt immer dazu.

Und nun: Zum Thema Harfe

Rüdiger Oppermann mit LeierJahrzehntelang habe ich postuliert, dass die Kelten keine Harfe spielten. Es gab aber einen "Anfangsverdacht" (Etruskische Situla im Keltenmuseum Hallstadt), dass eine Leier im Spiel war. Nun aber hat sich die Kentnis geändert: In der Bretagne wurde eine Keltische Statue gefunden, auf der eindeutig ein Leierspieler zu sehen ist. Und: Diese Leier ähnelt bis in kleine Details der heute noch gespielten Leier in Äthiopien/Kenya, die ich ich vor Ort spielen lernte. Diese Statue war in der großen Keltenausstellung in Stuttgart zu sehen.

So fühle ich mich also berechtigt, die afrikanische Variante in diesem Zusammenhang zu spielen, denn damit komme ich sicher näher an den Klang der Keltischen Leier als wenn wir von der europäischen Harfe ausgehen. Die Saiten sind aus Naturmaterial (Pflanzenfasern, Darm). Die Spielweise ist zum Teil geschlagen (eine Hand schlägt alle Saite, die andere dämpft die unerwünschten Töne ab), zum Teil gezupft.

Statue mit Leier Harfe, Fund aus der BretagneDie Spieltechnik kann man recht deutlich an der Abbildung (siehe Foto) aus einem Manuskript aus dem 9.JH sehen. Die Handhaltung sieht genauso aus, wie heute noch in Äthiopien . Die Musik: Wilder, rauer, rhythmischer, repetitiver als bekannte Harfenmusik. Auf dieser Abbildung findet sich auch der Beweis, daß Leier und keltische Bronze- oder Holzhörner noch im frühen irischen Christentum gemeinsam gespielt wurde. Es gibt also sozusagen eine Schnittmenge der druidischen und christlichen Kultur, deutlicher als bei uns. Das wird auch musikalisch ausgedrückt.

Irland wurde sehr früh christianisiert. Es ist aber davon auszugehen, dass die alten magischen Praktiken, sowohl religiöser wie auch musikalischer Natur, sich noch parallel zur „neuen“ Kultur hielten. Lateinische Antiphone der Gregorianik gehören deshalb in ein solches Projekt genauso wie „wilde“ Trommel/Bläser- Sequenzen. Diese werden deshalb auch kombiniert, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass für die Menschen im 6. Jahrhundert auch beides zur Erfahrungswelt gehörte.

Ich kann nicht garantieren, ein genaues historisches Klangbild des 6.Jahrhunderts zu schaffen, darum geht es auch gar nicht. Aber es geht darum, im Zuhörer ein vergleichbares Gefühl zu entfachen. Ich möchte nur klar machen: Wir spielen nicht nur naiv herum, sondern sind, wie man heute so schön sagt , "historisch informiert". Umso besser, dass diese Art des Musizierens auch besonderen Spaß macht.

Das Fremde

Weite Teile der Erzählung beschreiben fantastische, fremde Welten („Anderwelt“). Dieses musikalisch darzustellen ist ein spannender Aspekt, und die Gelegenheit, un-erhörte Klänge einzuführen, passend zu den jeweils geschilderten Situationen.

Ich führe deshalb auch aussergewöhnliche Instrumente ein, wie z.B. orientalische Klänge inklusive archaischer Stimmung, mongolischen Obertongesang, Schamanen-Tieftongesang, Pferdegeige, Muschelhörner, gestrichene Gläser für akkordische, liegende Klänge. Klingende Steine. Glocken. Gongs. e-harp.

Wenn der Text von phantasierten, „anderweltigen“ Erfahrungen spricht, könnten solche merkwürdigen Klänge vorkommen.

Im Manuskript ist oft von religiöser Verzückung, Fasten, Kasteiung, Ekstase, und von Wundern die Rede. Eine Erlebenswelt, die uns heute fremd anmutet, damals aber zur Alltagserfahrung der Mönche, also der Gebildeten, gehörte.

Es wird dabei deutlich, daß das Fremde eine relative Sache ist. Es kann sich beziehen auf geographischen Abstand. Aber auch auf zeitlichen Abstand. Der mitteleuropäische Veitstanz zu Dudelsäcken und Trommeln kommt dem heutigen Menschen auch fremd vor, gehört aber zur Geschichte der eigenen Kultur- so wie zum Beispiel auch Musikstile des Mittelalters, die den langen Hall großer Kirchenschiffe mit einbeziehen in musikalische Wendungen.

Kleiner Ausflug zum Thema Hall und Echo

Dass die Musik des frühchristlichen Mittelalters in großen halligen steinernen Räumen gespielt wurde, wissen wir ja. Der Raumhall wurde bewusst miteinbezogen, aus einstimmigen Melodien entstehen dabei übereinanderliegende mehrtönige Cluster. Im Wormser Dom zum Beispiel hört man einen Nachhall von bis zu 10 Sekunden. Um diese Klang in einem trockenen Konzertsaal zu rekonstruieren, müssen wir den Hall künstlich erzeugen, um uns dem Originalklangbild zu nähern. Joachim Schween berichtet Erstaunliches über prähistorischen Klang:

"Im Jahr 1999 unternahmen wir eine musikarchäologischen Forschungsreise auf die irischen Orkney- und Shetland-Inseln (beteiligt waren ausser J.Schween auch die Wissenschaftler Simon und Maria O'Dwyer aus Irland, John Purser aus Schottland, Graeme Lawson aus Cambridge und andere). Wir untersuchten mit prähistorischen Musikinstrumente die akustischen Bedingung bei prähistorischen Monumenten.

Neolithische Steinkreise wurden besucht, große Zirkel von Steinen. Es gibt dort tatsächliche besondere Reflektion, es reichen exakt ausgerichtete Steine, um diese Reflektionen zu erzeugen, es muss keine geschlossene Mauer sein. Wir hörten Hall und Echo…"

Unter diesen Bedingungen wurden also die prähistorischen Instrumente gespielt, die in diesem Konzert vorkommen. Hall und Echo sind also kein modisches Beiwerk, sondern Rekonstruktion von archaischen und mittelalterlichen Musikbedingungen. Würden wir dieses weglassen, wäre der Klang "unnatürlicher". Irische Hörner wurden meistens im Doppelpack gefunden, quergeblasene und endgeblasene, wurden gleichzeitig gespielt, es entstehen hier also Harmonien und durch die Additionsresonanzen sogar noch eine weitere Harmonie-Ebene.

Das Bekannte: Irish Folk

Um der Gesamtgeschichte einen „roten Faden“ zu bieten, reicht es nicht aus, Fantasieklänge aneinander zu reihen. Es kommen deshalb auch  bekanntere Melodielinien oder Akkordprogressionen vor. Unsere Gäste aus dem Irish Folk kommen hier richtig zur Geltung. Diese Teile hören sich an wie eine typische Session im Pub, eine "Ceili".

Für das Bläserensemble habe ich zusätzlich vier Stücke geschrieben, die Kräftigeres erfordern. Die Fanfare begleitet leitmotivische alte Melodien, und dramatisiert in den Teilen Sturm-Wilder Ozean und Das Meer kocht (Vulkanausbruch).

Danksagungen

Ich bedanke mich bei folgenden Personen, die bei der Verwirklichung dieses Projekts wichtig waren:

  • Volker Gallé (Ideengeber und Organisator)
  • Simon O'Dwyer (Irischer Musikarchäologe)
  • Joachim Schween (deutscher Musikarchäologe)
  • Peadar Ó'Ceannábhain (Gälisch)
  • Pater Thomas (Dominikanerkloster Worms, frühe Handschriften)