KW20029

Kristen Nogues

Kernelec

KW 75142

Kristen Nogues - ein persönlicher Nachruf.


Ich hörte Kristen zum ersten mal auf einer Kasette, von der ich nicht mehr wusste, wer sie mir gegeben hat. Vielleicht war es Stefan Battige, der als erster und am intensivsten von uns sich der Harfe in der Bretagne genähert hatte. Da erklang eine merkwürdige, magnetisch anziehende Stimme, von der man nicht sagen konnte, ob sie von einem kleinen Mädchen oder einer alten Frau stammte, mit einer unglaublich magischen Kraft. Noch dazu in einer Musik, die ich so noch nie gehört hatte, mit merkwürdigen Akkorden, auf die keine herkömmliche Bezeichnung passte. Mit Melodien, die genauso ungewöhnliche Sprünge vollführten, immer wieder im Zweifel an behäbiger Einfachheit....

Jedenfalls, was ich nicht wusste, war daß Kristen auch mich gehört hatte, und zwar 1983 in Dinan. Sie lud mich ein, wenn ich wieder in die Bretagne käme, sie zu besuchen. Und das tat ich auch, 1985. Damals war sie gerade -so würde es man heute sehen, aber wir wussten das damals nicht- auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Kraft.

Ihre Musik hatte sich weit entfernt von dem Üblichen, und das machte ihr das Leben nicht leichter. Denn alle erwarteten natürlich von einer Bretonischen Harfenistin, daß sie sich irgendwie mit der traditionellen bretonischen Musik beschäftigt. Sie aber interessierte sich mehr für Neue Musik, für Debussy, für Wagner, für Chanson, für elektronische sounds. Das kam mir gerade recht, denn ich befand mich in einer ähnlichen Phase und wir entwickelten geschwisterlich-kollegiale Gefühle. Die Klänge elektrisch modifizierter Harfen wurde damals pauschal und vehement abgelehnt, auch in Deutschland, auch in unserer Harfenszene. Ja, bretonische Musik und bretonische Identität waren eine Heimat für sie, aber musikalische war sie schon weit davon entfernt. Sie wurde von einem Freundeskreis traditioneller und -Jazzmusiker getragen, die Szene aus der Generation und dem Umfeld von Alan Stivell, Dan Ar Braz, etc, eine Szene von künstlerisch erfolgreichen Althippies, die immer noch ihre Feste feiern konnte. In der Bretagne herrschte eine kalifornische Aufbruchsathmosphäre, und das spielen Bretonischer Musik, das Sprechen der bretonischen Sprache war damals ein politisches Zeichen von Selbständigkeit. Die Entwicklung kumulierte in dem Widerstand gegen ein geplantes Atomkraftwerk, das als typischer Willkürakt der Pariser Zentralregierung gesehen wurde. Kristen war in diesem Wiederstand aktiv — hier verband sich eine Heimatliebe mit einer anarchistischen, freiheitlichen, kulturstolzen Orientierung. Schon Kristens Vater war in der bretonischen Separatistenbewegung aktiv gewesen, diese Leute hofften währfend der Besatzungszeit auf einen eigenen Staat und wurden heimlich von den Nazis unterstützt (ähnlich wie die IRA in Irland), natürlich aus ganz anderen, eigennützigen Gründen. Deshalb wurde er nach dem Krieg als Kollaborateur in die Nazi-Ecke gestellt, was aber ganz und gar nicht der Realität entsprach. Kristen litt unter dieser Geschichte.

Kristen war sehr klein, und sie spielte oft im Stehen hinter der Keltischen Harfe. Die Harfe war ihr zu schwer zum tragen, deshalb brauchte sie immer einen Assistenten, der ihre Harfe schleppte, und der mit ihr reiste zu ihren Konzerten ins Ausland.

Ihr Gebrauch der Klappen war wirklich einzigartig. Sie machte es sich von Nutzen, daß sie — anders als bei der Pedalharfe — in verschiedenen Oktaven auch verschiedene Modulationen der gleichen Töne einstellen konnte, zB gleichzeitig C, Ces und Cis und daraus dann Akkorde bauen, die sonst niemand spielte. Niemand auf der keltischen Harfe und auch niemand auf der Pedalharfe. Das war keine diatonische Musik mehr, in die Falle des abgerundet-harmonischen Wolkensounds ist sie nicht getreten. Für viele war diese Musik zu schräg, auch für viele in unseren Harfenkreisen, und ich musste mehrere Einladungen an sie regelrecht durchsetzen, weil sie keine Massenkompatiblen Stücke zu unterrichten hatte, sondern einfach durch ihr Da-Sein unsere Welt um einen aufregenden Farbtupfer erweiterte. Einmal kam sie so spät zum Harfentreffen. daß sie nur noch das Sonntags-Konzert in Marburg spielen konnte. Das Organisieren war nicht ihre Stärke.
Die Trennung von ihrem Exmann hatte sie schwer in Mitleidenschaft gezogen, sie trank zu viel. Der Ex, der recht wohlhabend war, unterstützte sie weiterhin finanziell, sie brauchte nicht Konzerte aus finanziellen Gründen spielen. Sie lebte mit ihrer Tochter alleine.

So groß und aussergewöhnlich ihre Musik ist, so klein und fragil war ihr Selbstbewusstsein. Vor Konzerten war sie sehr aufgeregt, auf der Bühne zu stehen war für sie immer anstrengend. Sie bekam auch nur selten die Anerkennung die sie verdient hätte. Und tatsächlich konnten ja nur wenige erkennen, was sie da leistet, eigentlich nur Leute die selbst Keltische Harfe spielen.
Auf der LP NEUES AUS HARFISTAN widmete ihr 1987 ein Stück (Valse melancholique) in dem ich eine ihrer ausgefallenen Leitern benutzte, eine verminderte Leiter die zwei 1,5-Tonschritte hat, dafür aber auf die Quarte verzichtete (denn wir haben ja nur 7 Seiten pro Oktave): d e f gis a b cis d . Das ist heute nichts besonderes mehr, damals aber war es wie ein Statement, und wurde von vielen als ungehörig angesehen. Kristen war mutig, und ich wollte ihre Courage mittragen.

Auch auf die CD ART OF HARP 1 übernahm ich eines ihrer stärksten Stücke, Berceuse.

Mit dem Klangwelten Festival hatte ich die Möglichkeit, Leute auf große Bühnen zu bringen, die sonst ganz unbekannt waren. So engagierte ich auch Kristen für die Tournee 1990. Wir reisten zusammen 4 Wochen durch Deutschland und spielten 25 Konzerte. Ihre Stimmung schwankte stark, aber meistens verbreitete sie gute Laune und Lebensgenuss. Sie hatte sich gut angefreundet mit Rabih Abou-Khalil, der auch im Konzert mitspielte, und manchmal, spielten wir zusammen. Es gelang mir, meinen Produzenten Karsten Linde zu überzeugen, daß unbedingt eine Platte mit Kristens Musik erscheinen musste. In drei Tagen, im Anschluss an die Tournee, spielte sie dann in Nordheim im Pauler-Studio ihre CD ein, die bis heute ihre beste Aufnahme ist, KERNELEC. Ihr Freund, der Jazzgitarrist Jaques Pellen, war auch dabei und steuerte einige interessante Sounds bei. Er hatte sie auch bei anderen, eigenen Projekten, als musikalischen Partner eingesetzt.
Manche der Stücke, die sie aufnahm, waren schon Jahre alt und gehörten sozusagen zu ihrem Standard-Repertoire. Diese Stücke in einer guten Tonqualität vor uns zu haben, ist ein großes Glück für uns.


Ich bat Kristen, auf meiner nächsten LP mitzuwirken, und zwar als Sängerin. Das kam ihr merkwürdig vor, sie liebte ihre Stimme nicht, ich aber schon. So sang sie Margaritig , und ich spielte ihr Stück, eine große Ehre für mich. Kristen war nicht die Art von Person, die ihre Karriere selbst pushen konnte, sie brauchte dazu immer andere Begeisterte, die sie auf ein angemessenes Podium stellten. Immerhin hat sie in der Bretagne an einigen sehr großen Projekten mitgewirkt, in denen Bretonische Musik, Jazz, und Neue Musik zu einem Neuen Ganzen verschmolzen. Es gab immer wieder Leute, die sie auf die Bühnen brachten. Aber es wurde zunehmend schwieriger, sie aus dem Gehäuse ihrer Depression zu locken. Das Leben fiel ihr nicht leicht.
Zwei mal nahm ich sie noch mit auf ein italienisches Harfenfestival, das ich mit organisierte. Damals schon fiel ihr das Reisen schwer, sie war krank empfand die Welt als schwer zu ertragen. Das war vor 10 Jahren.

Kristen hat unser Leben bereichert, und die Keltische Harfe weit nach vorne gebracht. Wir verdanken ihr viel. Manches hat sie in Bewegung gesetzt, wovon die heute Betroffenen gar nichts merken oder wissen, so wie das auch der frühen Frauenbewegung ging. So geht es den Pionieren. Würde sie heute anfangen mit den Sachen, die sie vor 20 Jahren gespielt hat, wer weiss, vielleicht wäre sie ein großer Star geworden. Sie hat die Türen aufgestoßen zu neuen Klangräumen, zu neuen Harmonien und zu einer anderen Stimmästhetik, sie hat die bretonische Musik in einen neuen Zusammenhang gesetzt, sie hat durch ihre herzliche Art und ihren Humor die Welt ein kleines Stück nach vorne gebracht. Sie hat für die Musik gebrannt, wie das sein muss, und sie ist früh verbrannt. Damit steht sie in einer langen Reihe großartiger Musiker.

Wie sollen wir Ihr gedenken? da habe ich einen Vorschlag: der beste Gedenkplatz für einen Musiker ist Spielplan, die Playlist im Radio, oder der CD-Player.

Wir verneigen uns.
Merde, alors ! Farewell -

Rüdiger Oppermann


Titel Nr. Titel DSL Modem
1 Kerzhadenn 3,8 MB 1,9 MB
2 An Heol Teuzete    
3 Baz Valan    
4 Diriaou    
5 Kleier 4,8 MB 1,6 MB
6 Kernelec    
7 Berceuse 3,4 MB 1,2 MB
8 An Teir Deler    

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