KW20029

KlangWelten 2006

Die CD zum Festival!

KW 20029
Digipack


"Aus einem Guss, kein Kauderwelsch - faszinierend schön ist diese Musik, stimmig das ganze Projekt" (Zenith, Zeitschrift für den Orient)

"Kulturelle Kreuzrythmen, ein interkultureller Dialog, wie er selten zu hören ist" (Querfunk Karlsruhe)

"Das Abschlussalbum des Jahres!" (Jazzthetik)

"Ohne esoterischen Schwulst ein stimmiges Mitbringsel aus den Konzerten, hörenswert wie musikalisch zusammen geht, was auf politischer Ebene noch gehörig zickt. Erfreuliche Delikatesse."
(Der Schallplattenmann)

"Vier Sterne." (inMusic)


Prélude:

Auf dieser CD hören Sie die Musiker des KlangWelten Festivals 2006. Diese kommen aus sehr unterschiedlichen Kulturen. Sie stellen ihren Hintergrund zunächst unverfälscht im Originalklang vor, danach begeben sie sich auf den Pfad des Dialogs. Denn auch das Jubiläumsprogramm 2006 steht unter dem Motto: Der Utopie auf die Beine helfen! Und so üben wir uns im genauen Hinhören und in der zugespitzten Darstellung unserer Backgrounds ohne störendes modisches Beiwerk. Dann aber auch im Entwickeln unserer gemeinsamen Sprache, der Musik.

Die Europäer lassen sich hier ein auf außer europäische Ideen und umgekehrt.


Ekuka und seine beiden Mitmusiker vom Volk der Achooli/Luo leben im staubigen Norden Ugandas, einer abgelegenen Gegend ohne Tourismus. Hier hat sich das Bardentum noch erhalten, der Musiker dient als Nachrichtenvermittler, als moralischer Belehrer und Geschichtenerzähler in einer stromlosen Kultur.

Die Stimmen der „Fingerpianos“ Okembe sind zu einem gleitenden Teppich ineinander verwoben, hinzu kommt ein besonders apartes Trömmelchen Bul, das nur einen Schlag im Offbeat spielt, mit einer unbeirrbaren Kontinuität.

Das Fingerpiano ist ein originär afrikanisches Instrument, welches es sonst nirgends auf der Welt gibt. Darauf kann man auch keinen Mozart spielen. Macht aber nichts – andere, verwobene Muster, Inherent Patterns, gehen dafür leichter zu spielen. Ein anderes Bewusstsein für Zeit und Raum drückt sich in der Spielweise dieses Instruments aus (mehr dazu im Buch: KlangWelten Live).

Als Zungen dienen plattgeklopfte Fahrradspeichen. Wir hören die Okembe zunächst original in einer Feldaufnahme aus der Savanne im Stück GOOD HOMES (1), später begleitet von Jatinder Thakur an den indischen Tablas in GIRLS SHOULD BE EDUCATED (3) und schließlich, das musste ja sein, kommt auch ein gemeinsames Stück! OH! KEMBE! (5). Für mich ist dieses Stück, bei dem alle zusammen spielen, der Höhepunkt und das Zentrum dieser CD. Mein Harfenspiel ist der Okembe-Idee ja sowieso ganz nahe, und am Anfang ist noch ein Papierstreifen zwischen die Saiten gefädelt, um den Sound „afrikanischer“ zu würzen. Banjo, Tabla und Ukulele schleichen sich herbei, und schließlich enden wir im Alle-machen-mit-Sound.

Es war nicht gerade einfach, die unterschiedliche Stimmung und Musikidee der Instrumente aneinander anzugleichen. Mit Harfe und Okembe geht es noch relativ leicht, weil wir die Instrumente umstimmen können. Mit der Duduk ist es schwerer, Arto muss sich an der Stimmung der anderen orientieren. Eine große Leistung! Und nun klingt es, als spielten wir eine imaginäre Folklore aus Afroeurasien, aus einem Land, das es noch nicht gibt.


Servais Haanen lässt sein diatonisches Knopfakkordeon in Sphären vordringen, in denen es bisher nichts zu suchen hatte, mit einer gewissen Affinität zur Ambient- und Minimal Music und zu ungewöhnlichen Klängen. Er spielt Stücke, die auf den ersten Blick unauffällig sind, bei näherem Hinhören sich aber als durchaus verzwickt erweisen. Zunächst ist das zu hören in seiner extra für das Festival komponierten „Polka mit verschiedenen Rhythmen“ JONAS FELSEN (2).

Für mich klingt das wie Tanzmusik für einen Tausendfüßler auf LSD. Aber auch im Duostück ZWUGDI QUIZI (6), einer gemeinsam entwickelten Sequenz, in der zwei unterschiedlich gestimmte diatonische Instrumente sich durch den Quintenzirkel schwingen (im Bass). An manchen Stellen dieses Quintenzirkels habe ich nur einen einzigen Ton, der dazu passt! Das macht das Improvisieren schwer.

Wir tragen beide an der Bürde der chromatischen Horizont-Erweiterung diatonisch eingeschränkter Instrumente, und wir haben Freude daran. Der reizvolle merkwürdig-schwebende Klang dieses Stücks kommt nämlich daher. Angetrieben wird das ganze vom Puls des Herzschlags.

Servais schafft eine imaginäre Folklore, eine Volksmusik, die es auch so geben könnte, wenn es denn die passenden Länder dazu gäbe. Vielleicht ist es Folklore aus Molwanien? Oder Harfi stan? Und immer ist eine kleine aufweckende Spitze dabei, wie die Quintenbewegung in ZWUGDI QUIZI oder der merkwürdige 15er Rhythmus in PERPETUUM MODALE (4), einer Kombination aus 7 und 8, genauer gesagt im Rhythmus 2-2-3-2-2-4. Dieses Stück basiert auf einer Idee von Simon Jeffes (Penguin Cafe Orchestra).

Für KlangWelten hat Servais auch ein Akkordeon „afrikanisch“ gestimmt. Avantgardistische Klangästhetik aus dem Land, in dem die Tomaten wachsen.


Wem wird es nicht warm ums Herz, der die klagenden Klänge der armenischen Duduk hört? So nahe an der menschlichen Stimme ist dieses Doppelrohrblatt-Instrument, dass man einen Sänger zu hören glaubt. Arto Avetisian spielt uns zwei traditionelle Melodien, und er weist immer darauf hin, dass die rhythmisch freie Einleitung MAYKAKAM MEGHEDINER (7) genauso wichtig sei wie die tänzerischen Stücke, zum Beispiel ESKISNER (8). Das erinnert uns an die indischen Alaps. Die feinen mikrotonalen Schleifer und Ornamente tragen dazu bei. Der weiche Klang rührt von dem außergewöhnlich breiten Mundstück der Duduk her, das wie ein Entenschnabel aussieht, und wir sagen immer zu Arto: Küss die Ente!

Dass Lisa Kantchouk diese Melodien auf einer klassischen Geige mitspielen kann, dem Instrument, das sie am Moskauer Konservatorium studierte, ist bemerkenswert. Und sie schafft es dadurch, eine orientalische Gewürzmischung für uns Westler leichter verdaulich zu machen, als die kratzende Spießgeige der Originalfolklore, ohne dabei die Kernaussage zu verbergen.

Im Gegenteil, die fragile, schwankende, immer bewusste Intonation nahe am Flageolett, immer in Bezug auf den permanent hörbaren Grundton, zieht uns direkt hinein in den Kosmos der euro-asiatischen Begegnungszone. So auch mich mit der metallsaiten bespannten mittelalterlichen Bardenharfe.

Dass der Rhythmus nicht von der traditionellen Dhol gespielt wird, sondern von Jatinder Thakur auf den indischen Tablas, weist schon in Richtung unseres Kulturdialogs. Er pointiert den asiatischen Aspekt der Musik, während meine Harfe den europäischen Klang stärkt. Wir weiten den Klangkosmos dieser Musik weiter nach Osten und nach Westen aus, die Rolle Armeniens als Dreh- und Angelpunkt und Schnittstelle bleibt dabei zentral.

Schon immer war Armenien ein Begegnungsort der persischen, mesopotamischen, turkmenischen und frühchristlich- europäischen Kultur. Die traurige politische Geschichte der Region hat sich in die Musik eingebrannt. Heute leben mehr Armenier im Exil in Kalifornien, Frankreich und Deutschland als in Armenien. Auch Lisa und Arto haben eine weite Reise hinter sich, Arto über Aserbeidschan, die Türkei und Russland, Lisa aus der südrussischen Diaspora nach Westen. Und das ist es, was wir hören: Den Blues des Wilden Ostens.


Agus Supriawan bläst die indonesische Bambusflöte Suling als Intro (9) zum abschließenden südsüdostasiatischen Zusammenspiel. Über Jatinder Thakur brauchen wir hier nicht mehr viele Worte verlieren. Der Meister der Tablas ist ein Publikumsliebling und langjähriger Mitstreiter bei KlangWelten seit 1987! Und unbestreitbar der beste Tablist in Europa (er lebt in Wien). Ich gab ihm zum Jubiläum die Wahl, sich einen Dialogpartner selbst auszusuchen, und er wählte die Indonesier Agus und Wahyu mit den Sunda-Gendang-Trommeln, mit denen wir schon früher gearbeitet hatten.

Diese Trommeln, bestehend aus zwei Sets von je drei Trommeln, gehören zur Gamelan-Gong-Musik Indonesiens. Hören wir den Dialog der Trommelmeister auf dieser Liveaufnahme vom KlangWelten Festival 2001 ASIAN PERCUSSION SUMMIT (10)!

So unterschiedlich spielen sie – und doch so brüderlich! Jatinder eher streng gleichmäßig, die Indonesier eher dynamisch mit schnellen Tempowechseln. Unterschiedlich die Trommelsprache, unterschiedlich die Beziehung zum Publikum, bei den Javanern eher (muslimisch) lustig und emotional, beim Inder eher (hinduistisch) überpersönlich klar und präzise.

Und doch: zusammen ein herzhafter Dialog der Trommelkulturen, der Spaß macht, nicht nur den Musikern, sondern auch dem Publikum beim Mitmachen und uns beim Hören! Eine Sternstunde der KlangWelten. Was für eine Power! – Man könnte direkt die politischen Auseinandersetzungen, den Clash der Kulturen auf politisch-religiösem Gebiet vergessen.

Würden nur alle trommeln statt schießen, wäre die Welt ein Stück weiter. Wir Musiker arbeiten daran.

Denn auch wir sind Global Players und das seit 1000 Jahren.
Bleiben wir dran!

Es geht voran.

Rüdiger Oppermann


Die Titel der CD

Titel Nr. Titel Dauer Komponist Interpret Information
1 Good Homes 06:00 trad. Ekuka Group Field Recording, Uganda 2003
2 Jonas Felsen 05:27 S. Haanen Servais Haanen - Knopfakkordeon
3 Girls should be educated 05:52 trad. Ekuka Group – Okembe, Bul, Voc
Jatinder Thakur – Tablas
4 Perpetuum Modale 04:54 Haanen/Oppermann, nach einer Idee von Simon Jeffes Servais Haanen – Knopfakkordeon Rüdiger Oppermann – Keltische Harfe
5 Oh! Kembe 10:31 Ekuka/Oppermann Ekuka Group – Okembe, Bul, Voc
Rüdiger Oppermann – Keltische Harfe,
präparierte Harfe, Oppertronic E-Harp, Banjo
Arto Avetisian – Duduk
Servais Haanen – Ukulele
Jatinder Thakur – Tablas
  DSL Modem
1
2
6 Zwugdi Quizi 05:57 Haanen/Oppermann Servais Haanen – Knopfakkordeon
R. Oppermann – Keltische Harfe, Heartbeat
7 Maykakkam Meghediner 13:45 trad. Lisa Kantchouk – Geige
Arto Avetisian – Duduk
Rüdiger Oppermann – Keltische Harfe
DSL Modem
8 Eskisner 05:46 trad., arr. Oppermann Lisa Kantchouk – Geige
Arto Avetisian – Duduk
Rüdiger Oppermann – Keltische Harfe
Jatinder Thakur – Tablas
9 Sulling Intro 01:06 trad. Agus Supriawan – Bambusflöte
10 Asian Percussion Summit 10:52 trad. Agus Supriawan – Gendang
Wahyu Rochewandy – Gendang
Jatinder Thakur – Tablas
Konzertmitschnitt, Bonn, Kunsthalle, 2001

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