HONG YÜ
(China)

Hong YüDie Musikerin aus Nanjing spielt das typische Instrument der chinesischen Klassik, die Guqin. Hong Yü studierte bei ihrem Vater, dem Virtuosen Cheng Gongliang. Später arbeitete sie in einem großen Verlag in Shanghai und studierte Musikwissenschaft in Karlsruhe. Derzeit arbeitet sie wieder am Konservatorium in Nanjing.

Die Griffbrett-Zither Guqin steht wie kein anderes Instrument für das uralte kosmologische Musik-Prinzip Chinas, in dem Alles mit Allem verbunden ist, das Große im Kleinen dargestellt ist. Die Spielweise ist genau vorgeschrieben, es wird nicht improvisiert. Eine konzentrierte Geisteshaltung der ungeteilten Aufmerksamkeit ist für das Spiel nötig, ähnlich wie auch in der Kalligrafie, der Teezeremonie und in den Kampfkünsten. Jeder gespielte Ton steht in Relation zu einem Element, zu einer inneren Stimmung, zu einer Farbe, zu einer Jahreszeit....es gibt Musikstücke, die nur zum Frühlinganfang gespielt werden, nur im Bambushain oder nur für den Kaiser.

Die Bewegung der Hände ist genau vorgeschrieben, und zwar in einer durchperfektionierten Weise die uns Europäern unbekannt ist. Oft beschreibt die Bewegung der Hände sogar den musikalischen Inhalt. Es gibt zum Beispiel 33 Arten, einen Ton zu zupfen. Die Handstellung hat dabei Bezeichnungen wie Die göttliche Schildkröte verlässt den Fluss, Der fliegende Drache packt die Wolken, oder Der Kranich tanzt. Diese Anweisungen und die bildhafte Kürzel-Notation gehen zurück bis in die Tang-Zeit (618-906).

Die Guqin gibt es schon seit 2500 Jahren, und sie hat ihre Form kaum verändert. Über einen Korpus, der aus einem Stück Hartholz, von hinten ausgehölt, geschnitzt ist, spannen sich 7 Seiden-Saiten, die mit der rechten Hand gezupft werden und mit der Linken gegriffen. Die Stimmung ist pentatonisch, hinzu kommen gegriffene Noten. Die Spielerin orientiert sich dabei an Griff-Markierungen, die den Oberton-Flageolettepunkten entsprechen (also nicht einer Tonleiter!). Flageolettetöne spielen in dieser Musik eine wichtige Rolle.

Die ideale Spielsituation stellte man sich etwa so vor: Vor einer einfachen Bambushütte am Fluss sitzt der naturnahe lebende pensionierte (oder „ausgestiegene“) Beamte , der zum Landleben zurückgefunden hat, sich mit Philosophie und Musik beschäftigt, und dem Trubel der Welt in gewisser Weise entsagt - Ein romantischer Traum der Städter, den es ja auch im Westen gibt. Dabei sitzen 3-7 Freunde. Man trinkt Reiswein, philosophiert und spielt Musik. Insofern repräsentiert die Guqin und die darauf gespielte Musik in beispielhafter Weise nicht nur die Geisteshaltung des Konfuzianismus (den Kosmos zusammenhalten durch das richtige Spielen), sondern auch die entgegengesetzte des Taoismus (Tun durch Nicht-Tun, Weisheit durch Nichtwollen). Diese Spielsituation gibt es nicht mehr, und Guqin-Musik ist heute eine „bedrohte Art“. Das Instrument und die Qin-Musik ist heute den meisten Chinesen völlig unbekannt.

Musik

Klassische Chinesische Musik ist eine sehr konservative Angelegenheit. Die meisten Stücke sind schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, alt. Sie folgt nicht der westlichen Dramaturgie. Wie bei einer Bildbetrachtung werden Situationen beschrieben (meistens Naturbeobachtungen), der musikalische Blick wandert hin und her zwischen verschiedenen Aspekten der Situation. Deshalb spielen Faktoren wie schnell/langsam, laut/leise eine andere Rolle als in westlicher Musik. Es wird gleichsam eine Gleichzeitigkeit verschiedener Blickwinkel zeitlich nacheinander beschrieben, deshalb wirken die Stimmungsänderungen in einem Stück für uns sehr abrupt. Gleichbleibende Tempi sind selten. Es gibt keinen durchlaufenden Rhythmus.

Das Stück „Wildgänse landen auf der Sandbank“ zum Beispiel klingt etwa so: Zuerst hört man den Fluß rauschen...dann erblickt man plötzlich ein Krokodil...man bemerkt in der Ferne einen Einsiedler in seiner Bambushütte...der Blick wendet sich zu dunklen Wolken, die sich im Hintergrund sammeln...das Geräusch der landenden Wildgänse...So wechseln die seelischen wie die musikalischen Stimmungen schnell.

Die Natur wird idealisiert, bis hin zur Organisation des Gesellschaftssystems sieht die chinesische Philosophie- und eben auch die Musik- alles im Großen wie im Kleinen miteinander verbunden. Klassische chinesische Musik war deshalb auch immer „staatstragend“ in konfuzianischen Sinne. Es wird nicht improvisiert, höchstens interpretiert. Der energetische Aspekt spielt in dieser Musik eine entscheidende Rolle: Die Begriffe Atem, Luft, Spannung, Energie sind zusammengefasst im Begriff Qi (Chi).

Rhythmischer und tänzerischer geht es zu in der Folklore der verschiedenen Völker zu, die ethnische „Minderheiten“ in Süd-China bilden. Dort wird zum Tanz gespielt. Hong Yü hat, um auch diesen Aspekt chinesischer Musik zeigen zu können, die doppelrohrige Kürbisflöte Hulusi gelernt, ein außergewöhnliches, weiches Melodieinstrument mit zusätzlichen Borduntönen.


[ Programm | Tourneedaten | Tonbeispiele