WuWei (KlangWelten Festival 2003) WU WEI
(China)
Mundorgel Sheng

Wu Wei studierte an den Musikhochschulen in Nanjing und Shanghai. Er erarbeitete sich als Solist und Begleiter einige hohe Auszeichnungen, und qualifizierte sich für ein DAAD-Stipendium in Berlin. Dort studierte er seit 1995 Jazz und Neue Musik .Er spielt mit verschiedenen europäischen Jazzmusikern, ist aber auch im Bereich der Neuen Musik aktiv. Einige Kompositionen wurden extra für ihn geschrieben.

Sein Hauptinstrument ist ein uraltes chinesisches Blasinstrument mit über 3000-jähriger Geschichte, welches aus Süd-China stammt und heute sowohl in der Folklore Yünnans (und bei den Bergstämmen in Laos) eine Hauptrolle spielt als auch in der klassischen chinesischen Hofmusik. Die Urform „Lu-Sheng“ ist pentatonisch gestimmt und kann bis zu 6 Meter groß sein. Herr Wu spielt auch eine speziell für ihn angefertigte chromatische Variante. Bei der Sheng sind eine Vielzahl (17-37) vom Bambuspfeifen in eine hölzerne Windkammer gesteckt. Durch Öffnen und Schließen von Luftlöchern in den Pfeifen wird der Luftstrom aktiviert und die Zungen werden zum Schwingen angeregt („Durchschlagszungen“).

So entsteht ein Orgel-ähnlicher Klang; es können sowohl Medodielinien als auch mehrstimmige Akkorde gespielt werden, mehrstimmige Fugen und Cluster. Der Spieler kann in das Instrument blasen und auch durch das Instrument einatmen, ähnlich wie bei der Mundharmonika (die in Europa aus dem Vorbild Sheng entwickelt wurde). Es können deshalb auch ununterbrochene, lange Klangflächen entstehen.

Klassische Chinesische Musik ist eine sehr konservative Angelegenheit. Die meisten Stücke sind schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, alt. Sie folgt nicht der westlichen Dramaturgie. Wie bei einer Bildbetrachtung werden Situationen beschrieben (oft Naturbeobachtungen), der musikalische Blick wandert hin und her zwischen verschiedenen Aspekten der Situation. Deshalb spielen Faktoren wie schnell/langsam, laut/leise eine andere Rolle als in westlicher Musik. Es wird gleichsam eine Gleichzeitigkeit verschiedener Blickwinkel zeitlich nacheinander beschrieben, deshalb wirken die Stimmungsänderungen in einem Stück für uns sehr abrupt. Gleichbleibende Tempi sind selten. Es gibt keinen durchlaufenden Rhythmus. Das Stück „Wildgänse landen auf der Sandbank“ zum Beispiel klingt etwa so: Zuerst hört man den Fluß rauschen...dann erblickt man plötzlich ein Krokodil...man bemerkt in der Ferne einen Einsiedler in seiner Bambushütte...der Blick wendet sich zu dunklen Wolken, die sich im Hintergrund sammeln...das Geräusch der landenden Wildgänse...So wechseln die seelischen wie die musikalischen Stimmungen schnell. Die Natur wird idealisiert, bis hin zur Organisation des Gesellschaftssystems sieht die chinesische Philosophie- und eben auch die Musik- alles im Großen wie im Kleinen miteinander verbunden. Klassische chinesische Musik war deshalb auch immer „staatstragend“ in konfuzianischen Sinne.Es wird nicht improvisiert, höchstens interpretiert. Der energetische Aspekt spielt in dieser Musik eine entscheidende Rolle: Die Begriffe Atem, Luft, Spannung, Energie sind zusammengefasst im Begriff Qi (Chi).

Im Gegensatz dazu geht es rhythmischer und tänzerischer zu in der Folklore der verschiedenen Völker, die ethnische „Minderheiten“ in Süd-China bilden. Dort wird das Instrument zum Tanz gespielt. Insofern werden auf der Sheng zwei sehr unterschiedliche Musikstile Chinas hörbar.

Wu Wei ist daher auch für chinesische Verhältnisse ein aussergewöhnlicher Musiker, denn er verbindet in seinem Spiel drei verschiedene Kulturen: die strenge klassische chinesische Musik, die tänzerische Folklore, und den ungestümen freiheitsliebenden Geist eines individualistischen Improvisators der neuen Zeit.

Wu Wei ist ausserdem auch ein hervorragender Virtuose der Stabgeige Erhu.

Musik ist des Weisen Fröhlichkeit
und macht die Herzen des Volkes gut
Sie beeindruckt die Menschen tief
Große Musik ist immer leicht
Große Sitten sind immer einfach
Buch der Musik (Yue Ji), ca 450 v.Chr.


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